Vor meinem Vortrag bei der KI-Night am 29. September 2026 habe ich einem Coding-Agenten ein Foto gegeben: ein Whiteboard mit einer Handvoll Kästen, ein paar Pfeilen und der Randnotiz „2-4 Tage ?!“. Zurück kam ein Prozessmodell, das sich in gängigen Modellierungswerkzeugen öffnen und bearbeiten lässt. Dann bat ich ihn, denselben Prozess mit einem KI-Agenten neu zu entwerfen. Das Ergebnis sieht überzeugend aus. Bei genauerem Hinsehen entscheidet der Agent darin aber kaum etwas selbst.
Dieser Artikel zeigt beide Versuche, was an ihnen gut ist und was nicht. Daraus ergibt sich eine These: Die KI-Welt erfindet gerade das Prozessmanagement neu. Wer Prozesse modellieren kann, hat das Handwerk, das KI-Agenten bisher fehlt.
Auf einen Blick
- Ein Coding-Agent macht aus einem Whiteboard-Foto ein editierbares Prozessmodell und entwirft den Prozess neu. Der Entwurf ist schnell da, bleibt aber ein Vorschlag, den die Fachabteilung prüfen muss.
- Ein Agent lohnt sich dort, wo erst ein Zwischenergebnis zeigt, was als Nächstes zu tun ist. Für alles andere reicht ein fester Workflow.
- Was feststehen muss, gehört ins Prozessmodell und nicht in den Prompt. Dafür hat das Prozessmanagement seit Jahren Notation und Handwerk.
Der Fall: eine Anfrage im Kundenservice
Der Prozess auf dem Whiteboard gehört zu einem Lehrfall, den ich für den Vortrag gebaut habe. Er spielt bei einem Zahlungsdienst und ist vollständig erfunden.
Eine Kundin schreibt in den Chat. Der Fall heißt im Folgenden Ticket K-17:
„Mein Paket ist nie angekommen. Bitte erstatten. Ich habe doch 30 Tage Zeit.“
Das klingt einfach. Für die Antwort braucht der Kundenservice drei Quellen: den Chat, die Bestelldaten mit Sendungsverfolgung und die Käuferschutz-Richtlinie. Dort beginnt das Problem. Die 30 Tage gelten nicht mehr, seit dem Sommer sind es 21, und damit kommt die Meldung drei Tage zu spät. Der Paketdienst meldet „zugestellt“, aber ohne Nachweis, dass die Kundin das Paket abgeholt hat.
Zwei Fragen sind also offen: Welche Regel gilt? Und ist die Ware überhaupt angekommen? Ob erstattet wird, entscheidet am Ende das Käuferschutz-Team.
Versuch 1: vom Whiteboard-Foto zum Prozessmodell
Der Coding-Agent (hier Claude Code) bekam das Foto und einen Satz als Auftrag. Die Wiedergabe zeigt den aufgezeichneten Lauf.
Begriff: Coding-Agent
Ein Coding-Agent ist ein KI-Agent, der in einem Projektordner arbeitet: Er liest und schreibt Dateien, führt Befehle aus und prüft das Ergebnis. Beispiele sind Claude Code und Codex. Gebaut wurden diese Werkzeuge für Software. Sie eignen sich aber für alles, was als Datei vorliegt, also auch für Prozessmodelle.

› Erstelle aus dem Foto input/whiteboard-skizze.jpg die Datei output/skizze.bpmn: ein BPMN-2.0-Modell mit Pool, den zwei Lanes, allen Schritten und dem Gateway mit beiden Pfaden. Übernimm die Beschriftungen wörtlich. Ich lade zuerst den BPMN-Skill für die Konventionen und schaue mir dann die Skizze an. ▶ Skill prozessmodell-bpmn Launching skill: prozessmodell-bpmn ▶ Lesen input/whiteboard-skizze.jpg [Bild gelesen] Skizze gelesen. Laut Projekt-CLAUDE.md führe ich keine Pipeline aus, sondern schreibe die beiden Dateien direkt, inklusive handgesetztem Layout. ▶ Schreiben output/skizze.bpmn (197 Zeilen) <?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?> <bpmn:definitions xmlns:bpmn="http://www.omg.org/spec/BPMN/20100524/MODEL" xmlns:bpmndi="http://www.omg.org/spec/BPMN/20100524/DI" xmlns:dc="http://www.omg.org/spec/DD/20100524/DC" xmlns:di="http://www.omg.org/spec/DD/20100524/DI" xmlns:xsi="http://www.w3.org/2001/XMLSchema-instance" id="Definitions_WareNichtErhalten" targetNamespace="http://kirenz.de/bpmn/ware-nicht-erhalten" exporter="handgeschrieben" exporterVersion="1.0"> <bpmn:collaboration id="Collaboration_1"> … Datei geschrieben ▶ Schreiben output/notizen.md (3 Zeilen) - Unklar: Der Schritt "Käuferschutz prüft + entscheidet" ist auf dem Whiteboard in der oberen Zeile (Kundenservice) gezeichnet, der Text nennt aber die Rolle Käuferschutz; ebenso ist nicht eindeutig, ob "Rückfrage Händler" wirklich vom Käuferschutz ausgeführt wird oder nur aus Platzgründen unten steht, und ob der Rückpfeil eine echte Schleife zurück zu "Bestellung + Tracking nachschauen" meint. - Annahmen: "Käuferschutz prüft + entscheidet" und "Rückfrage Händler" liegen in der Lane Käuferschutz (Rollenname bzw. Position auf dem Board), der Zusatz "(Kundenservice)" unter "Anfrage erfassen" wurde als Lane-Zuordnung gelesen und nicht in den Task-Namen übernommen, der Rückpfeil ist als Schleife modelliert, alle Schritte sind userTasks (Menschen), das Gateway ist ein exklusives Gateway. - Nicht übernommen: die Randnotiz "2-4 Tage ?!" oben rechts (Durchlaufzeit, Bezug unklar) sowie die blaue Unterstreichung unter "Käuferschutz prüft + entscheidet" (Hervorhebung ohne Prozessbedeutung). Datei geschrieben Beide Dateien liegen in `output/`. Wie in der Projekt-CLAUDE.md verlangt, habe ich keine Befehle ausgeführt, die Validierung über die Process-Lab-Pipeline steht also noch aus. **`output/skizze.bpmn`** - Pool „Ware nicht erhalten" mit den Lanes „Kundenservice" und „Käuferschut … ✓ Fertig nach 98 Sekunden Laufzeit.
Zwei Stellen in der Mitschrift finde ich wichtiger als das Modell selbst. Der Agent lädt zuerst einen Skill, also eine hinterlegte Arbeitsanweisung für Prozessmodelle, bevor er das Foto liest. Und er schreibt neben dem Modell eine Notizdatei: was auf dem Whiteboard unklar war, welche Annahmen er getroffen hat und was er nicht übernommen hat, etwa die Randnotiz „2-4 Tage ?!“. Mit diesen Notizen beginnt die Prüfung durch das Prozessteam.
Begriff: Skill
Ein Skill ist eine wiederverwendbare Arbeitsanweisung für einen Agenten, abgelegt als Datei oder Ordner: Regeln, Beispiele und bei Bedarf Hilfsskripte für eine bestimmte Aufgabe. Der Agent lädt den Skill erst, wenn die Aufgabe ansteht. Im Lehrfall beschreibt der Skill, wie ein Prozessmodell aufgebaut und beschriftet wird. In der Mitschrift oben ist das der erste Schritt des Agenten („Skill prozessmodell-bpmn“).
So sieht der heutige Ablauf als Modell aus. Jede Bahn steht für eine Rolle, Kästen sind Aufgaben, Rauten sind Entscheidungen.
Begriff: BPMN
BPMN (Business Process Model and Notation) ist der verbreitete Standard, um Geschäftsprozesse zu zeichnen. Bahnen zeigen, wer zuständig ist. Kästen sind Aufgaben, Rauten sind Verzweigungen (Gateways), Kreise markieren Start und Ende. Hinter jeder Zeichnung liegt eine Datei, die Modellierungswerkzeuge lesen und bearbeiten können.
Vorher. Fast die gesamte Arbeit liegt in der oberen Bahn. Der Kundenservice erfasst die Anfrage, ruft Daten ab und fragt bei unklarer Frist oder Zustellung von Hand beim Händler nach. KI schreibt nur den Antwortentwurf. Erst danach wechselt der Fall in die untere Bahn, wo das Käuferschutz-Team noch einmal prüft und entscheidet. Im Lehrfall sind dafür zwei bis vier Arbeitstage angenommen, davon ein bis zwei Tage Wartezeit auf den Händler. Darstellung vereinfacht: Aufgabentyp als Beschriftung statt BPMN-Symbol.
Dass eine KI ein Diagramm zeichnen kann, ist nicht der Punkt. Das Ergebnis ist kein Bild, sondern eine Datei im offenen Standard BPMN 2.0. Sie lässt sich in Camunda Modeler, SAP Signavio oder bpmn.io öffnen, und Fachleute können dort jeden Schritt, jede Zuordnung und jede Rückschleife ändern.
<bpmn:lane id="Lane_Agent" name="KI-Agent">
<bpmn:flowNodeRef>T_Haendler</bpmn:flowNodeRef>
<bpmn:flowNodeRef>T_Dossier</bpmn:flowNodeRef>
</bpmn:lane>
…
<bpmn:businessRuleTask id="T_Regeln"
name="Richtlinie, Frist und Nachweis prüfen">
<bpmn:documentation>Feste Regel ohne Modell.
Wählt die aktuelle Richtlinienversion …</bpmn:documentation>
</bpmn:businessRuleTask>
<bpmn:userTask id="T_Freigabe"
name="Dossier prüfen und Freigabe erteilen">
<bpmn:documentation>… Nur das Käuferschutz-Team
entscheidet (Regel R5) …</bpmn:documentation>
</bpmn:userTask>
…
<bpmndi:BPMNShape bpmnElement="T_Regeln">
<dc:Bounds x="540" y="40" width="160" height="80" />
</bpmndi:BPMNShape>
- Offener Standardöffnen und weiterbearbeiten in Camunda Modeler, SAP Signavio oder bpmn.io
Der Agent beschleunigt das Zeichnen. Die gemeinsame Klärung, ob der Ablauf so stimmt, ersetzt er nicht.
Versuch 2: den Prozess neu entwerfen
Für den Neuentwurf bekam der Coding-Agent drei Dinge mit:
- Wissen: die Käuferschutz-Richtlinie und die Regeln des Käuferschutz-Teams.
- Arbeitsanweisung: denselben Skill wie im ersten Versuch.
- Vorgaben: Über Erstattung und Kulanz entscheidet nur das Käuferschutz-Team. Keine Nachricht versenden, keine Zahlung ändern.
Nach gut zwei Minuten lag dieser Entwurf vor:
Nachher. Neu ist die mittlere Bahn „KI-Agent“. Wichtig ist die Reihenfolge davor: Daten abrufen und Frist prüfen bleiben feste Schritte, ein Systemaufruf und eine Regel. Der Agent übernimmt nur, wo es keine eindeutige Antwort gibt. Die untere Bahn zeigt die Freigabe als Pflichtschritt. Der Pfeil „zurück“ führt bei einer Ablehnung wieder zum Agenten, versendet wird nur über den Pfeil „ja“.
Vieles daran ist gut: Alles Feste steht vor dem, was eine KI tut, und nach außen geht nur, was das Käuferschutz-Team freigegeben hat.
Beim zweiten Hinsehen
Der Entwurf wirkt fertig. Genau deshalb lohnt ein zweiter Blick. Er zeigt drei Dinge.
Der Agent wählt keinen Weg. In der Bahn „KI-Agent“ stehen zwei Schritte in fester Reihenfolge: Nachweis beim Händler anfragen, Dossier erstellen. Ob etwas ein Workflow oder ein Agent ist, hängt an einer einzigen Frage: Wer bestimmt den nächsten Schritt?
Beim Workflow ist der Ablauf vorgegeben, ein Sprachmodell erledigt einzelne Aufgaben darin. Beim Agenten sind Ziel und Grenzen vorgegeben, den Weg wählt das Sprachmodell selbst (Anthropic, Building effective agents). Nach dieser Unterscheidung ist der Entwurf ein Workflow mit zwei KI-Schritten. Er ist besser als der alte Ablauf, aber er ist ein besserer Workflow.
Eine Vorgabe ist verletzt. Die Regel lautete: keine Nachricht versenden. Der Entwurf lässt den Agenten trotzdem beim Händler anfragen. Das kann sinnvoll sein. Es ist aber eine Entscheidung, die das Käuferschutz-Team treffen muss und die nicht nebenbei in einem Entwurf fallen sollte.
Die schwierigen Fälle bleiben ungelöst. Der neue Prozess beginnt wieder mit einem Datenabruf, der eine Bestellnummer erwartet. Was passiert, wenn die Anfrage keine enthält, sagt das Modell nicht.
Keiner dieser Punkte spricht gegen das Vorgehen. Sie zeigen, wofür der Entwurf da ist: Er macht Annahmen sichtbar, über die man streiten kann. Und sie zeigen ein Muster, das ich auch aus Projekten kenne. Ohne klare Ansage wird der Agent in den Ablauf eingebaut, der schon da ist. Das gilt offenbar auch, wenn eine KI den Ablauf entwirft.
Wo ein Agent wirklich nötig ist
Ein Agent lohnt sich dort, wo erst ein Zwischenergebnis zeigt, was als Nächstes zu tun ist. Am Fall K-17 lässt sich das in zwei Runden durchspielen.
- Runde 1 · WahrnehmenAnfrage lesenB-5521 fehlt, gemeldet am 25.09. Die Kundin bittet um Erstattung und beruft sich auf 30 Tage Meldefrist.
- Runde 1 · EntscheidenAktuelle Richtlinie holenNächste Aktion: die aktuelle Käuferschutz-Richtlinie prüfen. Nur die Version mit Status „aktuell“ darf eine Aussage stützen (Regel R1).
- Runde 1 · HandelnRichtlinie V3 lesenVersion 3 ist aktuell: 21 Tage, Fristende 22.09. Die Meldung vom 25.09. ist zu spät. Die zitierte Version 2 ist ersetzt.
- Runde 1 · PrüfenAbgleich: nicht fertigDie Frist allein entscheidet nicht über den Anspruch (R2). Offen ist, ob die Ware überhaupt angekommen ist. Also weiter.
- Runde 2 · WahrnehmenNeuer ZustandFrist nach Version 3 verpasst. Offen ist, ob B-5521 zugestellt wurde.
- Runde 2 · EntscheidenZustellung prüfenNächste Aktion: die Sendungsverfolgung zu B-5521 prüfen, statt sofort eine Absage zu entwerfen.
- Runde 2 · HandelnSendungsverfolgung lesenB-5521: „zugestellt (Paketshop)“. Übergabenachweis: „nicht dokumentiert“.
- Runde 2 · PrüfenGrenze erreicht: stoppenOhne Übergabenachweis gilt die Ware als ungeklärt, nicht als erhalten (R3). Der Agent stoppt und übergibt ein Dossier mit offenen Fragen an das Käuferschutz-Team (R5). Die Schleife endet bei erfülltem Auftrag, offener Frage oder definierter Grenze.
In der ersten Runde findet der Agent die aktuelle Richtlinie und stellt fest, dass die Frist abgelaufen ist. Die Frist allein entscheidet den Fall aber nicht. Deshalb prüft er in der zweiten Runde die Sendungsverfolgung und stößt auf den fehlenden Übergabenachweis. An dieser Grenze stoppt er. Beim Käuferschutz-Team kommt kein Urteil an, sondern ein Dossier: Meldung drei Tage nach Fristende, Paketshop meldet „zugestellt“, Übergabenachweis fehlt, offene Frage an den Händler, zu jeder Aussage die Quelle.
Dass nach der Fristprüfung die Sendungsverfolgung an der Reihe ist, stand vorher nirgends. Es ergab sich aus dem, was der Agent gefunden hatte. Zum Vergleich der feste Ablauf mit drei Fällen:
Die drei Fälle als Text
- Anfrage erfassen: Bestellnummer genannt, Meldung innerhalb der Frist. Angenommener Standardfall.
- Bestelldaten abrufen: Bestelldaten gefunden. Richtlinie Version 3 (aktuell): 21 Tage Meldefrist.
- Gateway: Widerspruch zur Richtlinie?: Widerspruch? Nein. Die Meldung liegt innerhalb der Frist.
- Antwortentwurf erstellen (Sprachmodell): Entwurf mit Quelle Richtlinie Version 3.
- Prüfung und Freigabe Käuferschutz: Das Käuferschutz-Team prüft und gibt frei.
- Ende: Antwort versendet, durch den Kundenservice.
Der Normalfall läuft glatt durch. Dafür ist ein fester Workflow ideal: billig, schnell, prüfbar.
- Anfrage erfassen: B-5521 fehlt, Meldung am 25.09. Die Kundin zitiert 30 Tage (Version 2).
- Bestelldaten abrufen: Richtlinie Version 3 (aktuell): 21 Tage, Fristende 22.09. Tracking: „zugestellt (Paketshop)“.
- Gateway: Widerspruch zur Richtlinie?: Widerspruch? Ja. Die Meldung kommt 3 Tage nach Fristende.
- Rückfrage beim Händler: Der Kundenservice fragt von Hand beim Händler nach dem Übergabenachweis. 1 bis 2 Tage Wartezeit.
- Antwortentwurf erstellen (Sprachmodell): Entwurf auf Basis der Antwort des Händlers.
- Prüfung und Freigabe Käuferschutz: Das Käuferschutz-Team prüft und entscheidet.
- Ende: Antwort versendet, durch den Kundenservice.
Die Ausnahme ist behandelbar, weil der Pfad modelliert ist. Die eigentliche Recherche erledigt aber weiterhin der Kundenservice von Hand.
- Anfrage erfassen: „Ich habe bezahlt, aber nichts bekommen.“ Keine Bestellnummer. Angenommener Fall.
- Bestelldaten abrufen: Kein Treffer. Der Schritt erwartet eine Bestellnummer.
- Gateway: Widerspruch zur Richtlinie?: Die Regel hat kein Lieferdatum für die Frist. Der Fall rutscht in den Pfad, der am ehesten passt.
- Rückfrage beim Händler: Der Kundenservice sucht selbst die passende Bestellung. Diese Arbeit steht in keinem Prozessmodell.
- Antwortentwurf erstellen (Sprachmodell): Entwurf auf Basis dieser Recherche.
- Prüfung und Freigabe Käuferschutz: Das Käuferschutz-Team prüft und entscheidet.
- Ende: Antwort versendet, durch den Kundenservice.
Für diese Art von Ausnahme gibt es keinen Pfad. Jede neue Ausnahme braucht einen neuen Pfad oder jemanden, der sie von Hand bearbeitet. Genau hier wird ein Agent interessant.
Der Standardfall läuft glatt durch, dafür ist ein fester Workflow ideal: billig, schnell, prüfbar. K-17 funktioniert, weil jemand den Pfad „Rückfrage beim Händler“ vorher modelliert hat. Die Anfrage ohne Bestellnummer rutscht in den Pfad, der am ehesten passt, und jemand im Kundenservice sucht die Bestellung von Hand.
Man kann jeden dieser Fälle nachmodellieren. Lässt sich die Recherche vorab vollständig aufzählen, ist das auch der bessere Weg. Ein Agent lohnt sich erst, wenn die Liste der Ausnahmen nicht endet und jede neue einen weiteren Pfad oder Handarbeit bedeutet.
Was feststehen muss
Wenn der Agent seinen Weg selbst wählt, stellt sich die Frage, was trotzdem feststeht. Prozessplattformen haben dafür inzwischen ein Muster: fester Ablauf, Agent und Mensch in einem Modell.
Oben verläuft der feste Pfad für eindeutige Fälle. Der gestrichelte Kasten darunter ist ein Ad-hoc-Subprozess: Dort wählt der Agent Werkzeuge und Reihenfolge selbst. Grün markiert sind die beiden Prüfstellen: die feste Regelprüfung im Subprozess und die Freigabe durch das Käuferschutz-Team. Sicher erzwungen ist in dieser Zeichnung nur die Freigabe, weil sie außerhalb des Kastens liegt (siehe Text). Muster nach Camunda 8.8 (Oktober 2025), AI Agent Sub-process. Eigene Darstellung für den Lehrfall.
Eindeutige Fälle laufen über den festen Pfad. Bei einem Widerspruch übernimmt der Agent und wählt im gestrichelten Kasten seine Werkzeuge selbst. Beide Pfade münden in dieselbe Freigabe durch das Käuferschutz-Team.
Begriff: Ad-hoc-Subprozess
Ein Ad-hoc-Subprozess ist ein BPMN-Element für Teilabläufe ohne feste Reihenfolge. Im Kasten liegen mehrere Aufgaben. Welche davon wann ausgeführt wird, entscheidet sich erst im Einzelfall. Prozessplattformen nutzen das Element, um Agenten einzubetten: Der Agent wählt die Werkzeuge im Kasten, der Prozess außen herum bleibt fest.
Eine Zeile im Prompt ist eine Bitte an das Sprachmodell.Ein verbindlich konfigurierter Schritt im Prozess wird durchgesetzt und protokolliert.
Auf dem Wort „verbindlich“ liegt das Gewicht. Die Zeichnung allein reicht dafür nicht: Schritte in einem Ad-hoc-Subprozess können mehrfach, in beliebiger Reihenfolge oder gar nicht ausgeführt werden (Camunda, Ad-hoc sub-processes). Die Regelprüfung im Kasten ist deshalb erst dann Pflicht, wenn die Abschlussbedingung des Kastens sie voraussetzt oder wenn sie als fester Schritt dahinter steht. Die Freigabe ist erzwungen, weil sie außerhalb liegt. Was Pflicht sein soll, gehört also nicht in den Kasten des Agenten.
Dasselbe gilt für die Regeln selbst. Welche Version der Richtlinie gilt und wann die Frist endet, steht im Lehrfall nicht als Text im Prompt, sondern als feste, versionierte Regel, die das System ausführt. In Prozessmodellen übernehmen das häufig Entscheidungstabellen nach dem Standard DMN.
Die KI-Welt erfindet das Prozessmanagement neu
In der KI-Diskussion heißen diese Dinge Guardrails, Human in the Loop, Eskalationspfad und Orchestrierung. Im Prozessmanagement heißen sie Gateway, Benutzeraufgabe, Entscheidungstabelle und Bahn. Dafür gibt es einen Standard, Werkzeuge und Menschen, die seit Jahren damit arbeiten. Die Hersteller von Prozessplattformen betten Agenten inzwischen als Subprozess ein, und in der Forschung entsteht unter dem Namen „Agentic BPM“ ein eigenes Feld (Dumas et al. 2026, Calvanese et al. 2026).
Die Fragen, die jedes Agenten-Vorhaben beantworten muss, sind Fragen des Prozessmanagements: Wer entscheidet? Was ist fest? Wo darf der Weg offen bleiben? Was wird protokolliert? Prozessteams müssen deshalb nicht warten, bis ihnen jemand eine Agentenplattform hinstellt. Sie können heute an einem eigenen Prozess festlegen, was der Rahmen ist.
Eine Einschränkung gehört dazu: Der Rahmen im Prozess braucht einen Rahmen im Unternehmen. In einer Befragung von 500 IT-Entscheidern deutscher Großunternehmen, die ich Anfang 2026 ausgewertet habe, gaben 76 Prozent an, KI-Agenten zu erproben. Produktiv im Kerngeschäft setzen sie 19 Prozent ein. Von diesen 19 Prozent nennen 60 Prozent mindestens drei Governance-Strukturen, bei den übrigen sind es 29 Prozent.
Begriff: Governance-Strukturen
Gemeint sind feste Regeln, Gremien und Rollen für den KI-Einsatz im Unternehmen. Dazu zählen zum Beispiel KI-Richtlinien, ein KI-Board, das über Vorhaben entscheidet, oder eine zentrale Führungsrolle für KI.
Die Befragung zeigt einen Zusammenhang, keinen Nachweis, dass der Rahmen den produktiven Einsatz verursacht. Sie fragt nach Regeln und Gremien im Unternehmen, nicht nach Prozessmodellen, und sie umfasst nur Unternehmen ab 2.000 Mitarbeitenden.
Was ich nicht weiß
Ob der neue Prozess Zeit spart. Der Entwurf ist eine Gestaltungshypothese. Die Wartezeit auf den Händler bleibt in jedem Fall. Ein Pilot müsste messen, wie sich die Durchlaufzeit verändert, wie oft das Käuferschutz-Team ein Dossier zurückgibt, wie viel Nacharbeit entsteht und was der Betrieb kostet.
Was Klarna zeigt. Anfang 2024 stellte der Zahlungsdienst einen KI-Assistenten in den Kundenservice-Chat. Nach eigenen Angaben übernahm er im ersten Monat zwei Drittel der Chats (Klarna, Pressemitteilung vom 27.02.2024). Im Mai 2025 räumte CEO Sebastian Siemiatkowski im Gespräch mit Bloomberg sinngemäß ein, dass Kosten ein zu dominantes Kriterium gewesen seien und die Qualität gelitten habe. Das Unternehmen stellt wieder Menschen im Service ein. Der Fall wird als Beleg für beides herangezogen: dass Agenten den Service übernehmen können und dass sie es nicht können. Was im Prozess genau fehlte, geht aus den öffentlichen Quellen nicht hervor. Der Lehrfall in diesem Artikel hat mit Klarna nichts zu tun.
Wie lange das Bild hält. Agenten bewältigen immer längere Aufgaben, die Messungen dazu stehen im Anhang. Was heute als Grenze eines Agenten gilt, kann in einem Jahr überholt sein. Der Rahmen aus Zuständigkeit, festen Regeln und Freigabe hängt davon nicht ab.
Selbst ausprobieren
Die beiden Versuche lassen sich mit einem eigenen Prozess wiederholen. Vier Schritte, keiner davon setzt eine neue Plattform voraus.
1. Einen Kandidaten wählen. Geeignet ist ein Prozess, wenn mehrere dieser Merkmale zutreffen:
- Ausnahmen landen bei Menschen, die bei null anfangen.
- Die Antwort steckt in mehreren Quellen (im Lehrfall: Chat, Bestelldaten, Richtlinie).
- Es gibt eine benannte Stelle, die entscheidet.
- Fehler lassen sich abfangen, bevor sie nach außen wirken. Ein Prozess, in dem der Agent sofort buchen oder versenden müsste, ist kein Startkandidat.
- Der Fall kommt oft genug vor, dass sich ein Pilot auswerten lässt.
2. Die Vorgaben aufschreiben. Auf eine Seite gehört, was der Coding-Agent nicht selbst wissen kann: Wer entscheidet (eine Rolle, keine Person)? Was darf der Agent nie? Darf er nach außen wirken, etwa bei Dritten nachfragen? Welche Regeln sind fest? Welches Wissen braucht der Prozess?
3. Den Entwurf beauftragen. Der Coding-Agent bekommt das Foto oder eine Beschreibung des heutigen Ablaufs, die Vorgaben und eine Arbeitsanweisung. Die Arbeitsanweisung aus dem Lehrfall gibt es hier in einer allgemeinen Fassung:
4. Den Entwurf mit der Fachabteilung prüfen. Fünf Fragen genügen für den ersten Durchgang:
- Liegt jeder Schritt in der Bahn der Rolle, die ihn wirklich ausführt?
- Wo wählt der Agent seinen Weg selbst, und wo sind seine Schritte fest vorgegeben?
- Ist jede Wirkung nach außen (Versand, Zahlung, Anfrage an Dritte) entweder freigegeben oder ausdrücklich erlaubt?
- Was passiert bei einer Ablehnung, und wann endet die Schleife?
- Welche Annahmen hat der Agent in seinen Notizen festgehalten, und welche davon stimmen nicht?
Schwierig wird es meist nicht beim Entwurf, sondern zwischen Workshop und Betrieb, wenn Berechtigungen, Datenzugriffe und Netzwerk geklärt werden müssen. Sind Architektur und Data Science schon am Entwurf beteiligt, lassen sich diese Fragen klären, bevor sie den Piloten aufhalten. In einem Workshop lassen sich ein geeigneter Prozess, ein prüfbarer Entwurf und die Messgrößen für einen Piloten gemeinsam erarbeiten.
Anhang: Warum die Frage jetzt ansteht
KI-Agenten bewältigen immer längere Aufgaben. Die Forschungsorganisation METR misst, wie lange ein Mensch für eine Software-Aufgabe braucht, die ein Sprachmodell in der Hälfte der Fälle löst. Bei GPT-4 vom März 2023 lag dieser Wert bei rund vier Minuten, bei Claude Opus 4.6 vom Februar 2026 bei rund zwölf Stunden (METR, Time Horizons).
- bei Erscheinen der höchste gemessene Wert
- weitere Modelle
Alle Werte als Tabelle
| Modell | Erschienen | Zeithorizont | Spanne |
|---|---|---|---|
| GPT-2 | Februar 2019 | 3 Sekunden | 1 Sekunden bis 8 Sekunden |
| davinci-002 (GPT-3) | Mai 2020 | 8 Sekunden | 5 Sekunden bis 13 Sekunden |
| GPT-3.5 Turbo Instruct | März 2022 | 36 Sekunden | 16 Sekunden bis 1 Minuten |
| GPT-4 | März 2023 | 4 Minuten | 2 Minuten bis 8 Minuten |
| GPT-4 (Nov. 2023) | November 2023 | 4 Minuten | 2 Minuten bis 8 Minuten |
| Claude 3 Opus | März 2024 | 4 Minuten | 2 Minuten bis 9 Minuten |
| GPT-4 Turbo | April 2024 | 4 Minuten | 2 Minuten bis 7 Minuten |
| GPT-4o | Mai 2024 | 7 Minuten | 4 Minuten bis 13 Minuten |
| Claude 3.5 Sonnet (Juni 2024) | Juni 2024 | 11 Minuten | 5 Minuten bis 22 Minuten |
| o1-preview | September 2024 | 20 Minuten | 12 Minuten bis 33 Minuten |
| Claude 3.5 Sonnet (Okt. 2024) | Oktober 2024 | 21 Minuten | 10 Minuten bis 41 Minuten |
| o1 | Dezember 2024 | 39 Minuten | 21 Minuten bis 65 Minuten |
| Claude 3.7 Sonnet | Februar 2025 | 60 Minuten | 33 Minuten bis 1,7 Stunden |
| o3 | April 2025 | 2,0 Stunden | 75 Minuten bis 3,2 Stunden |
| Claude Opus 4 | Mai 2025 | 1,7 Stunden | 60 Minuten bis 2,7 Stunden |
| Claude Opus 4.1 | August 2025 | 1,7 Stunden | 59 Minuten bis 2,7 Stunden |
| GPT-5 | August 2025 | 3,4 Stunden | 1,9 Stunden bis 6,8 Stunden |
| Gemini 3 Pro | November 2025 | 3,7 Stunden | 2,3 Stunden bis 6,3 Stunden |
| GPT-5.1-Codex-Max | November 2025 | 3,7 Stunden | 2,2 Stunden bis 6,6 Stunden |
| Claude Opus 4.5 | November 2025 | 4,9 Stunden | 2,7 Stunden bis 10,4 Stunden |
| GPT-5.2 | Dezember 2025 | 5,9 Stunden | 3,3 Stunden bis 13,6 Stunden |
| Claude Opus 4.6 | Februar 2026 | 12,0 Stunden | 5,3 Stunden bis 60,6 Stunden |
| GPT-5.3-Codex | Februar 2026 | 5,8 Stunden | 3,2 Stunden bis 13,6 Stunden |
| Gemini 3.1 Pro | Februar 2026 | 6,4 Stunden | 3,9 Stunden bis 11,6 Stunden |
| GPT-5.4 | März 2026 | 5,7 Stunden | 3,1 Stunden bis 12,8 Stunden |
| Claude Mythos Preview | April 2026 | 17,4 Stunden | 8,5 Stunden bis 55,1 Stunden |
Gemessen wird an Software-Aufgaben und bei 50 Prozent Erfolgsquote. Das ist kein Maß für jede Büroarbeit. Wichtiger als der einzelne Wert ist das Muster: Seit 2023 verdoppelt sich der Zeithorizont nach den Daten von METR etwa alle vier Monate.
Verdopplungen unterschätzt man leicht, weil sie lange harmlos aussehen. Ein Vergleich: Wer mit einem Schritt von 75 Zentimetern losgeht und jeden weiteren Schritt doppelt so lang macht wie den vorigen, ist nach 29 Schritten am Mond. Nach 20 Schritten sind aber erst 786 Kilometer geschafft, das sind 0,2 Prozent der Strecke. Mit gleich langen Schritten wären es rund 500 Millionen.
Der erste Schritt misst 75 Zentimeter. Bis zum Mond sind es 384.400 Kilometer.
| Schritt | Länge des Schritts | Zurückgelegt | Anteil der Strecke |
|---|---|---|---|
| 1 | 75 cm | 75 cm | unter 0,1 % |
| 2 | 1,5 m | 2,3 m | unter 0,1 % |
| 3 | 3,0 m | 5,3 m | unter 0,1 % |
| 5 | 12 m | 23 m | unter 0,1 % |
| 10 | 384 m | 767 m | unter 0,1 % |
| 15 | 12,3 km | 24,6 km | unter 0,1 % |
| 20 | 393 km | 786 km | 0,2 % |
| 25 | 12.583 km | 25.166 km | 6,5 % |
| 26 | 25.166 km | 50.332 km | 13 % |
| 27 | 50.332 km | 100.663 km | 26 % |
| 28 | 100.663 km | 201.327 km | 52 % |
| 29 | 201.327 km | 402.653 km | 100 % |
Ob das Tempo anhält, weiß niemand. Für die Prozessgestaltung genügt die Richtung: Wer heute einen Prozess entwirft, sollte nicht davon ausgehen, dass Agenten auf dem Stand von heute bleiben.
Quellen und Hinweise
- Vortrag: „Prozesse automatisieren oder neu denken? Was agentische KI im Prozessmanagement verändert“, KI-Night, 29. September 2026. Der Artikel geht von den Versuchen aus dem Vortrag aus.
- Lehrfall K-17: Alle Namen, Bestellungen, Richtlinien, Zeiten und Modelle sind erfunden.
- Aufgezeichnete Läufe: Die Mitschrift des Coding-Agenten und der Dateiausschnitt stammen aus vorab aufgezeichneten Läufen, die Wiedergabe ist beschleunigt. Sie zeigen, wie die Dateien im Lehrfall entstanden sind, und sind kein Leistungsversprechen für andere Prozesse.
- Whiteboard-Foto: Das Foto der Skizze ist synthetisch und wurde mit KI erzeugt. Alle übrigen Abbildungen sind eigene Zeichnungen.
- Kirenz (2026): Generative KI in deutschen Großunternehmen. Befragung von 500 IT-Entscheidern aus Unternehmen ab 2.000 Mitarbeitenden, Civey im Auftrag von Zoi, Januar 2026. Selbstauskunft.
- Anthropic (2024): Building effective agents. Praxisleitfaden.
- METR (2026): Time Horizons, Time Horizon 1.1. Messung an Software-Aufgaben. Die Abbildung ist eine eigene Darstellung aus den dort veröffentlichten Daten.
- Klarna (2024): Pressemitteilung zum KI-Assistenten, 27.02.2024. Selbstauskunft.
- Bloomberg (2025): Klarna turns from AI to real person customer service, 08.05.2025.
- Camunda: AI agents. Dokumentation zum Agenten als Ad-hoc-Subprozess. Dazu Ad-hoc sub-processes, Version 8.8.
- Dumas, Milani und Chapela-Campa (2026): Agentic Business Process Management Systems. Positionspapier.
- Calvanese et al. (2026): Agentic Business Process Management: A Research Manifesto. Forschungsagenda.